Krisenherd und Heiligtum: Unterwegs in Jerusalem

Der Tempelberg ist seit jeher ein umstrittenes Gebiet in Jerusalem. Zuletzt eskalierte dort jedoch die Gewalt. Der Nahostkonflikt hat die Stadt im Griff. Ein Erlebnisbericht von Laurin Stöckert

Jerusalem ist eine stets belebte Stadt - Ruhe kehrt hier nur selten ein.

Jerusalem ist eine stets belebte Stadt – Ruhe kehrt hier nur selten ein.

Jerusalem, oder auch al-Quds – „die Heilige“: Diese Stadt hat viele Namen und viele Gesichter. Die Nachrichten zeigen Bilder von Terroranschlägen, in Jerusalem treffen Welten aufeinander. Weltbekannt ist die Stadt aber auch für ihre unzähligen Heiligtümer, Pilgerstätten und außergewöhnlichen Atmosphäre. Schon als Schüler lernt man viel über die Geschichte dieses jungen und doch so alten Landes. All das Wissen um diesen Ort wirkt umso intensiver, wenn man die Stadt selbst besucht. Meine persönliche „Reise nach Jerusalem“ beginnt mit einer denkwürdigen Begebenheit.

Nach der Überquerung der jordanischen Grenze Richtung Israel sind mein Vater und ich noch etwa 140 Kilometer von der heiligen Stadt entfernt. Ohne Taxi in Sichtweite, und ein Bus will auch nicht fahren. Wir treffen wie durch ein Wunder einen palästinensischen Arzt, wohnhaft in Israel, der seine Tochter gerade zur Grenze gebracht hat und uns ohne viel Federlesens im Auto mitnimmt. Noch dazu lässt uns dieser Mann nicht irgendwo am Straßenrand in Richtung Stadt raus, sondern fährt uns bis vor das Damaskustor, dem Zugang zur Altstadt. Er verlangt noch nicht einmal Benzingeld.  Schwer beeindruckt von dieser Erfahrung machen wir uns also auf, Jerusalem zu erkunden.

Die Stadt strahlt einen einzigartigen Charme aus - doch das Zusammenleben ist hier nicht immer ganz einfach.

Die Stadt strahlt einen einzigartigen Charme aus – doch das Zusammenleben ist hier nicht immer ganz einfach.

Die Stadt ist eine einzigartige Sammlung von christlichen Heiligtümern, Kirchen, Moscheen, antiken römischen Überresten, belebten Handelsstraßen und stillen Gässchen. Von der ersten Minute an sind wir im Bann dieses Ortes. Tagsüber ist das Treiben in den Gassen laut und geschäftig; besonders an Sukkot, dem Jüdischen Laubhüttenfest, sind die Straßen voller festlich gekleideter Juden, die geschwind zum Gebet laufen. Uns begegnen Touristen, Selfie-Sticks schwingend und alles dokumentierend. Pilgergruppen, die laut singend den Leidensweg Christi nachvollziehen. Abends, wenn die meisten Läden geschlossen haben, weicht der tägliche Lärm einer sehr angenehmen Ruhe.

Die Straßen sind leerer, es brennen vereinzelt Laternen und hier und da kann man hebräische Gebete und Gesang vernehmen. Hin und wieder hört man das wohlbekannte Läuten von Glocken und die Rufe der Muezzins von ihren Minaretten. Dass Jerusalem eine zentrale Stadt für die monotheistischen Religionen ist, war mir bekannt. Aber wenn man selbst dort ist, ist man von dieser Auslebung von Religion zutiefst berührt. „Alles super, tolle Stadt“, denkt sich da der Tourist. Grund zur Sorge? Schon gar nicht. Oder doch?  So einfach ist das nämlich leider auch nicht im schönen Jerusalem. Denn schon nach kurzer Zeit wird man von einem Gefühl der Spannung beschlichen. Vor allem in der Altstadt ist die Präsenz von Sicherheitskräften nahezu erdrückend.

Der Felsendom, ein islamischer Bau aus dem siebten Jahrhundert, gehört zu den bekanntesten Wahrzeichen der Stadt. Er befindet sich auf dem Tempelberg,

Der Felsendom, ein islamischer Bau aus dem siebten Jahrhundert, gehört zu den bekanntesten Wahrzeichen der Stadt. Er befindet sich auf dem Tempelberg,

Und die Rede ist nicht von normalen Streifenpolizisten, sondern eher von vollgepanzerten, bis an die Zähne bewaffneten Elitepolizisten, wie sie in Deutschland nur selten auf den Plan treten. Dass die Situation zuweilen sehr angespannt ist, merken wir beim abendlichen Versuch, „nochmal eben“ auf den Tempelberg zu gehen (schnell stellt sich heraus ein klassischer Anfängerfehler). Alle Zugänge sind von der Polizei abgeriegelt. Nur Moslems, die über 50 Jahre alt sind, dürfen auf den Tempelberg zum Felsendom und zur al-Aqsa-Moschee. Vor den Absperrungen kommen wir ins Gespräch mit einigen jungen Palästinensern, von denen uns einige ruppig anreden, dass der Tempelberg „only for the muslims!“ sei.

Andere wiederum erklären uns zwar freundlich die Lage. Aber auch sie pochen darauf, dass doch eine Moschee für Moslems, eine Synagoge für Juden und eine Kirche für Christen da wäre. Unsere Idee, dass es prima wäre wenn alle Menschen alles besuchen dürften, hat mit der Realität nichts zu tun. Am Morgen des nächsten Tages schaffen wir es dann doch endlich auf den Tempelberg. Wir gehen über den einzigen Touristenaufgang an der Klagemauer. Unter den strengen Augen der Polizei und später den Mitarbeitern der Wakf-Stiftung (der religiösen Verwaltung des Tempelbergs) dürfen wir den Felsendom in all seiner Pracht bestaunen, die al Aqsa Moschee sehen wir zumindest von außen. Kaum haben wir den Tempelberg an der Nordeite verlassen, kommt uns auf einmal ein Zug von etwa 15 Frauen entgegen.

Immer wieder rufen sie laut die Worte: „Allahu Akbar“. Begleitet wird der Zug von ebenso vielen Polizisten, schwere Schusswaffen und Schlagstöcke schon kampfbereit. Aus den Fenstern einer Schule stimmen Kinder in die Rufe der Frauen ein, an einigen anderen Ecken der Stadt vernimmt man Ähnliches. Etwas verwirrt verfolgen wir die Szenen zusammen mit einigen anderen Touristen, die sich gerade in der Via Dolorosa befinden. Ein Museumswärter rät uns dezent, ins Hotel zu gehen, während er sein Museum kurzzeitig schließt. Am Nachmittag soll es wieder öffnen. Ungläubig begeben wir uns langsam auf den Weg ins Österreichische Hospiz auf einen Kuchen.

Israel hat an Teilen der Grenze zu Westjordanland eine Mauer errichtet. Der Friedensprozess im Nahostkonflikt wird durch Maßnahmen wie diese infrage gestellt.

Israel hat an Teilen der Grenze zu Westjordanland eine Mauer errichtet. Der Friedensprozess im Nahostkonflikt wird durch Maßnahmen wie diese infrage gestellt.

Wie kann ein Tag, der anfängt wie jeder andere, auf einmal solche Veränderungen in die heilige Stadt bringen? In Gedanken versunken surfe ich ein wenig im Internet, WLAN sei dank. Und bin ganz erstaunt, als ich von Ausschreitungen am Tempelberg lese. Dort, wo wir noch vor weniger als einer halben Stunde waren. Andere Touristen, die wir darauf ansprechen, haben genau so wenig mitbekommen wie wir. Also schlendern wir weiter zum Hotel. Auf unserem Weg beobachten wir eine weitere erinnerungswürdige Szene: Ein sehr aufgebrachter orthodoxer Jude bleibt an jeder Ecke stehen und diskutiert kurz und laut mit Moslems. Obwohl wir von dem Gesagten nichts verstehen, spüren wir die Anspannung.

Kurz darauf ist es wieder ruhig, der Mann ist davongerauscht. Der Nachmittag und die darauffolgenden Tage in Jerusalem verlaufen wie fast jeder andere Tag der Reise. Abends sehen wir uns in einer Sportsbar an, wie der FC Bayern ein Champions-League-Spiel gewinnt. Alltag also, und wir setzen unseren Trip durch Israel fort. Erst fünf Tage später, als ich schon im Flieger nach Hause sitze und mich mit meinem Sitznachbar über die Qualität des Essens an Bord unterhalte, kehren meine Gedanken zur heiligen Krisenstadt zurück. Wen auch immer man in Israel trifft, fast jeder bringt irgendwann den Nahostkonflikt und die Religionen ins Gespräch. Mein Sitznachbar ist gut informiert.

Er weiß, dass an jenem Tag, an dem mein Vater und ich über den Tempelberg spazierten, entspannt den Nachmittag und Abend genossen und schlussendlich glücklich und zufrieden einschliefen, zwei Menschen eben dort ums Leben gekommen sind.

Laurin reiste im September mit seinem Vater durch den Nahen Osten und frönte seiner Leidenschaft für Geschichte, Kultur und Traditionen. Auf dem Weg traf er viele interessante Menschen und fühlt sich heute reicher als zuvor. Eine der letzten Stationen war Jerusalem, die Stadt, in der so viel geschieht und die man kaum versteht. Seine Erfahrungen hat er hier aufgeschrieben.

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