Und woran denkst du so, wenn du in der Metro stecken bleibst?

Ich stecke fest, nicht schön. Naja, um ehrlich zu sein ist die Sitzbank ja recht gemütlich. Mobiles Internet geht auch ausnahmsweise in der Pariser Metro – Concorde, die Haltestelle werde ich mir merken. Alles im Lot also, außer vielleicht dass der Zug nicht weiter fährt. Erst wird um Geduld gebeten, es gehe gleich weiter. Der Mann auf der anderen Seite der Lautsprecherleitung wartet auf die Freigabe zum Verlassen des Bahnhofs, mein mir vom Mark Z. aufgenötigter Facebook Messenger wartet auf Netzwerkverbindung. Concorde, lass mich nicht im Stich! Doch bevor ich mich über den amüsanten Plop-Laut freuen kann, den die App abspielt sobald eine Nachricht gesendet wurde, passiert etwas, das mich nachdenken lässt.

Wie immer bin ich verzaubert. An meiner Metro-Haltestelle angekommen, gehe ich zuerst in den kleinen Park, der länglich in der Mitte der Häuserzeilen verläuft und die Straße teilt, die ich seit einiger Zeit mein Zuhause nenne. Eine Bank ist hier meistens frei, also setze ich mich kurz, zücke mein iPad und schreibe. Einen Blogeintrag über ein Erlebnis in der Metro. ‚Digital Native‘ könnte jetzt ein Vorbeigehender lästern, kaum mal an der frischen Luft, schon holt der junge Mann ein elektronisches Gerät heraus. In Wirklichkeit bin ich noch immer recht nachdenklich, genieße den sehr späten Spätsommer, der Ende Oktober tatsächlich nochmal zurückgekehrt ist. Ohne Witz jetzt, Herbst ist das nicht, die Bäume sind grün. Ich blicke also hin und wieder auf, sehe Tauben, Blumen, Spaziergänger und klassische Haussmann’sche Architektur. Dann fällt es mir wieder ein.Mit seiner dritten Ansprache hat der Mann auf der anderen Seite der Lautsprecherleitung endlich konkrete Neuigkeiten. Gebannt blicken wir in die Luft, auf den Boden, starren fremde Leute an. Mikrokosmos Metro eben, wie in jeder Großstadt. Einige Fahrgäste sind schon ziemlich genervt, legen sogar kurz ihr Smartphones ab, um der RATP einen gedanklichen bösen Blick zu schenken. Frage mich, warum die Frau mir gegenüber mich so erstaunt anschaut. Gucke ich etwa böse? Die scheppernde Stimme von der Waggondecke reißt mich aus meiner sozialkritischen Analyse. Dabei hatte ich doch schon fast eine halbe Dissertation im Kopf verfasst, was aus uns Menschen im Smartphonezeitalter nur geworden ist. Gut, ein andermal.Zwischendurch schaue ich wieder auf – eine Taube übt Kamikaze und versucht, mir mit ihrem Flügel einen Undercut zu verpassen. Achtung bitte, das ist doch völlig out! Denke, dass ich mal wieder zum Friseur sollte. Dann wird mir das Umherschauen zu eintönig und ich richte meine Augen zurück auf den Bildschirm. Soll ja auch ne Geschichte geben hier, ne.

Die Neuigkeiten, die der Mann auf der anderen Seite der Lautsprecherleitung für uns hat, sind nicht eben prickelnd. Wir müssten noch einige Minuten warten, zwei Haltestellen weiter gebe es eine kranke Person. Kurz überlege ich, ob der Sprecher vielleicht zwei Haltestellen weiter sitzt, ein ernsthaftes gesundheitliches Problem hat und uns um Hilfe bittet. Wäre aber ziemlich schräg. Dies bestätigend verkündet die Stimme, dass die Person nun auf den Bahnsteig gebracht und versorgt würde. Sollte gleich weitergehen. Aufatmen. Plötzlich fällt mir etwas ein.

Es ist wohl einer dieser Momente, wo sich Dinge aus der Erinnerung und aus der Gegenwart gemeinsam zu einem Gefühl formen. Klingt wie eine kitschige Lovestory, ich hingegen denke an eine Krankheit. Die Assoziation liegt beim gerade Gehörten nicht allzu fern – kranker Mann, denkste halt gleich mal ein Krankheit. Krankenkassen, Beiträge, Pharmaindustrien, Medikamente, puuh. Spaß beiseite. Es ist eine ganz spezielle Krankheit, nicht die des Gesundheitssystems im Allgemeinen. Ich lausche in die knisternde Stille, die der Mann auf der anderen Seite der Lautsprecherleitung zurückgelassen hat. Ob wohl sonst noch jemand daran denkt, woran ich denke? Ob es gar jemand aussprechen wird?

Bevor diese Geschichte zur unerträglich spannenden Horrorstory gerät, beschließe ich im Park sitzend, diesmal nur kurz aufzuschauen. Die Leute um mich herum sind andere, ich sitze schon eine Weile hier. Weiter im Text. Ich sitze also in der Metro und lausche, die Hände gewärmt von meinem fruchtigen Smartphone mit Biss. Wie heiß die Dinger immer werden… Jedenfalls muss ich nicht lange warten, da erlöst mich eine andere Stimme aus der Spannung. Ich weiß sofort, wer sie ist, nein, was sie ist. Deutsche Touristin. Naja, vielleicht auch etwas vorschnell geurteilt, aber immerhin ein Mädchen hinter mir, das in akzentfreiem Deutsch mit seinen Eltern spricht, und das Ende Oktober in Paris Mitte. Also deutsche Touristin. Sie sagt ein einziges Wort, und fast wäre ich zusammengezuckt. Ebola.

Es ist jedoch nicht das Wort selbst, sie meint es ja nicht einmal ernst. Am Grunzen ihres Vaters identifiziere ich den schlechten Witz, ohne hinzusehen. Vielmehr ist es eine Kombination aus der Überraschung, dass es tatsächlich jemand ausgesprochen hat, und den Medienberichten der letzten Wochen. Frankreich sei nicht zu 100 Prozent sicher vor Ebola, Metropolen wie Paris generell eher gefährdet. Einen Fall gab es ja schon innerhalb der Landesgrenzen, eine Krankenschwester. Panik ist da natürlich völlig fehl am Platz, aber im Kopf bleibt es dann doch. Besagter Kopf fragt sich also, was machen unsere großen Medien da gerade? Berichten sie zu viel oder zu wenig über die Krankheit und einen möglichen „Ausbruch“ in Europa, spekulieren sie oder warnen sie berechtigterweise?

Völlig unerwartet werde ich aus diesem Gedankengang gerissen. Noch immer sitze ich auf der Bank im Park, etwas kühl ist es geworden. Vor mir steht ein fülliger Franzose, ich hatte ihn im Augenwinkel kommen sehen. Er spricht mich an, und ich verstehe natürlich, dass er Feuer haben will, zum Rauchen. Denke ich zumindest. Wie sich nämlich herausstellt, sagte er stattdessen: „Der Park schließt jetzt!“. Schau nicht so blöd, Leser, es war auf französisch. Und woran denkst du so, wenn du in der Metro stecken bleibst?

Ironische Betrachtungen aus der imaginären Feder von Marius Mestermann.

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