Kommentar: Risikofaktor Eilmeldung

Ein besonders im Netz heiß diskutiertes Thema ist das Veröffentlichen von Eilmeldungen durch Online-Plattformen und Nachrichtenmagazine. Nirgendwo sonst kann eine Information so schnell, effektiv und über verschiedene Kanäle verbreitet werden wie im Internet. Dass Eilmeldungen aber häufig ein Risikofaktor sind und bisweilen mehr Schaden anrichten als Nutzen generieren, regt offenbar nicht zu intensiven Lernprozessen an. Update zur gestrigen Vettel-Falschmeldung anbei.

Es war der 15. August 2014, und ukrainische Truppen griffen einen russischen Konvoi an – mitten in der Irak-Krise! So zeigte es mein iPhone an. Die Pushmitteilung war aufrüttelnd, spektakulär, prägnant – und natürlich völliger Unsinn. Sie stellte sich als simpler Lapsus seitens der SPON(Spiegel Online)-Redaktion heraus. Die hatte nämlich in ihrer Eilmeldung vom späten Nachmittag (s.u.) den Unter-Über-Beschreibungs-Titel verwechselt und die Nachricht wohl etwas zu hastig rausgehauen. Was auf den ersten Blick als „Hey, kann mal passieren“ durchgehen könnte, offenbart in Wirklichkeit ein problematisches Phänomen des heutigen Journalismus.

Denn gerade bei brisanten Themen wie dem russischen Hilfskonvoi (d.h. der komplexen und kaum überschaubaren „Ukraine-Krise“) braucht es Sorgfalt in der Berichterstattung. Ohnehin stehen deutsche Medien seit Monaten im Netz in der Kritik: Wie erlesene Experten auf Facebook und Co. zu wissen glauben, betreiben die großen Zeitungen und Portale massive Propaganda zugunsten des Westens. Für Verschwörungstheoretiker ist das ein netter Zeitvertreib, meiner Meinung nach aber Unsinn. Problematisch wird es in der Regel, wenn der Putin-kritische Kommentar als Titelthema das Bild der Nachrichtenseite dominiert und dann erst irgendwo unten als Meinungsäußerung gekennzeichnet wird.

Eilmeldungen: Gut, wichtig – aber riskant

Naja, zurück zum eigentlichen Thema. Vielmehr fällt mir nämlich immer wieder auf, wie schludrig und übereilt manche Meldung mal eben veröffentlicht wird. Klar verlässt man sich gerne auf die Quellen die man hat, und wenn die spektakuläre Nachricht von der Agentur reinflattert, kann man seine publizistische Ekstase selten bremsen. Nein, im Ernst, dass man solche Dinger am liebsten flott unter die Leute bringt und vielleicht sogar der erste von vielen ist, ist verständlich und gar nicht mal so falsch. Auch das Prinzip Eilmeldung halte ich für gut, es macht Politik und die dazugehörige Berichterstattung doch irgendwie interessant, spannend, oder?

Wenn es allerdings fehlerhafte oder gar komplett falsche Meldungen sind, hört der Spaß natürlich auf. Wie SPON am nächsten Tag zugab, handelte es sich um eine unkorrekte Meldung. Nicht der Hilfskonvoi war angegriffen worden, sondern (wenn überhaupt, s. Artikel) ein russischer Militärkonvoi. Das wiederum macht die Eilmeldung im Nachhinein sehr ärgerlich. Riskant sind sie immer, und der Fall ist jetzt auch schon einen Monat her. Doch erstens ist es leider nicht der Einzelfall, und zweitens offenbart er ein tieferliegendes Problem. Die heutigen Medien sind teilweise so sehr von ökonomischen Interessen und Prinzipien getrieben, dass es der journalistischen Qualität ihrer Inhalte schadet.

Journalismus in der Zwickmühle: Qualität oder Aktualität?

Nun sei ausdrücklich gesagt, dass ich hier nicht auf SPON herumreiten oder diesen (irgendwie ja auch lustigen) Fehler als übertrieben schlimm darstellen möchte. Es gibt genügend andere Beispiele, die das Ganze ebenso schön verdeutlichen, zudem hat sich die Redaktion für die Meldung auf Facebook entschuldigt. Ich möchte auch keinem der etablierten Medien unterstellen, sie würden Meldungen einfach nach den Wünschen von Unternehmen veröffentlichen. Nein, das meine ich nicht mit wirtschaftlichen Interessen. Stattdessen weise ich auf den Zeitdruck und die dadurch entstehende mangelnde Sorgfalt hin, die dem Journalismus heute wie nie zuvor anhaftet. Der Erste sein, mehr Klicks bekommen, mehr Aufmerksamkeit erregen, mehr im Gespräch sein als die Konkurrenz, ein Image als verlässliche, interessante und gut informierte Quelle aufbauen (oder erhalten), davon träumen wir doch alle…

Die Sache ist allerdings nicht neu. Und es ist auch kein genuines Internetphänomen, das nur ein paar Twitter-Freaks etwas anginge oder müde belächelt werden sollte. Dennoch beweist gerade der Onlinejournalismus, dass er noch viel zu lernen hat, um langfristig nicht an Glaubwürdigkeit und damit an Bedeutung zu verlieren. Meiner Ansicht nach brauchen wir sie, die großen Nachrichtenportale. Sie bündeln Informationen, erreichen viele Leute und haben durch ihre Größe auch andere Möglichkeiten als der gewöhnliche Newsblogger. Die Medienökonomie, die als wissenschaftliche Disziplin auch den journalistischen Zwiespalt zwischen Zeitdruck und Qualität erkannt hat, weiß das zu belegen. Aber ein kräftiges An-die-eigene-Nase-fassen würde manch einem wohl nicht schaden.

Dazu gehört, mehr Rücksicht auf die Eigendynamik sozialer Medien zu nehmen und die „scharfe Waffe“ der Eilmeldung nicht allzu oft oder sinnlos zu schwingen. Aktualität darf nicht um jeden Preis verlangt werden, lieber lese ich die Info etwas später und dafür richtig. Wer weiß, wie viele Leute tatsächlich kurz auf ihr Handy schauen, irgendeine sensationelle Meldung sehen und sich irgendetwas zusammenreimen, ohne den Kontext oder nachfolgende Berichterstattung zu kennen. Wenigstens gibt’s dann beim nächsten klischeehaften Stammtisch etwas zu lachen.

Update: Der dpa-Chefredakteur Sven Gösmann musste seine Mitarbeiter heute für eine falsche Eilmeldung zum Formel1-Piloten Sebastian Vettel rügen. Ein Fake-Account auf Twitter hatte den Wechsel des vierfachen Weltmeisters Vettel zu Ferrari bereits gestern verkündet, tatsächlich erfolgte die offizielle Bekanntgabe einen Tag später. Trotzdem verbreitete die dpa eine entsprechende Eilmeldung, die viele ihrer Kunden natürlich umgehend aufgriffen. Laut dem Magazin Meedia ermahnte er seine Redaktion mit diesen Worten: “Wenn es auch nur den geringsten Zweifel gibt: Finger weg von dem Tweet und über die offiziellen Kanäle eine Bestätigung einholen. Gründlichkeit hat hier immer Vorrang vor Schnelligkeit! Skepsis ist eine journalistische Kernkompetenz!”

Wie sehr er doch Recht hat.

Ukraine, Russland, Irak?

Der Beweis: Am 15.08.2014 um 17:15 Uhr passierte das Missgeschick. Danke, Screenshot-Funktion.

 

 

 

 

 

 

 

 

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