Lieber goldene Pokale als goldene Pässe

Eis – Eis – Tonne: Das mixte das Fußballmagazin 11Freunde vorgestern aus einem ungewöhnlichen Interview mit Per Mertesacker. Nach dem Achtelfinalspiel gegen Algerien, das Deutschland mit 2:1 nach Verlängerung gewann, waren alle Nationalspieler platt. Nicht verwunderlich also, dass Mertesacker sich etwas unwirsch gab und den Reporter fragte: „Was wollen Sie jetzt von mir, so kurz nach dem Spiel?“

Ein Sprichwort lautet: „Es gibt keine blöden Fragen, sondern nur blöde Antworten.“ Während die meisten Schüler sich diese Einstellung von ihren augenrollenden Lehrern wünschen würden, hat das ZDF sie einfach umgesetzt. Zumindest fanden das viele Fernsehzuschauer, die nach dem Krimi gegen die Nordafrikaner das Interview mit Per Mertesacker sahen. Der sichtlich erschöpfte Abwehrriese konnte nicht verstehen, warum Boris Büchler das Kreativspiel der deutschen Mannschaft sofort bemängeln musste. Im Kopf des ZDF-Reporter waren alle Kritikpunkte der letzten Wochen und Monate zu einer Frage verschmolzen: „Was hat das deutsche Spiel so schwerfällig und so anfällig gemacht?“.

Darin spiegelt sich die Attitüde vieler Experten und solcher, die es sein wollen. Deutschland spiele zu langsam, zu fehlerbehaftet und insgesamt einfach zu schlecht. Was man ansonsten nur von der Berichterstattung zu Bayern München kannte, wurde für die Nationalelf in den letzten Jahren zum Dauerstreitpunkt: Keine Zaubersiege, nicht zu-null, keine gute Chancenverwertung, und, und, und. Dabei hat es schon lindernde Wirkung, wenn man einfach mal auf die anderen Teams blickt. Frankreich etwa, der morgige Viertelfinalgegner Deutschlands, spielte eine überraschend gute Gruppenphase, mühte sich aber auch lange gegen Nigeria. Erst ein Kopfballtor durch Pogba in der 79. Minute und ein Eigentor belohnten die späte Druckphase der Franzosen.

Die verbleibenden Acht dieser Fußball-WM in Brasilien sind namentlich allesamt Hochkaräter: Brasilien, Niederlande, Kolumbien, Argentinien, der ganz geheime Geheimfavorit Belgien, Frankreich und Deutschland. Und Costa Rica. Allesamt hatten sie in ihrem ersten K.O.-Spiel des Turniers Schwierigkeiten, es gab fünf Mal Verlängerung. Dass Deutschland gegen die physisch starken Algerier deutliche Probleme bekam und in den regulären 90 Minuten kein Tor erzielen konnte, überraschte wohl die meisten Zuschauer. Die Gefühlslage des blonden Hünen von Arsenal London offenbar nicht. „Wat wolln’se, wolln’se ne erfolgreiche WM oder solln wir wieder ausscheiden und ham‘ schön gespielt?“, erwiderte dieser auf Büchlers Frage nach dem spielerischen Element.

Tatsächlich ist die kritische „Fragerei“ (Mertesacker) derzeit etwas übertrieben. Jogi macht taktisch alles falsch, eine ganze Nation macht die Position des Kapitäns auf dem Feld zur Gretchenfrage. Dennoch steht die deutsche Nationalmannschaft in der Runde der letzten Acht bei einer WM, die schon den amtierenden Weltmeister Spanien in der Vorrunde vergessen hat. Selbstverständlich sollten die Spieler in den Interviews ihre Professionalität wahren und den Reportern Rede und Antwort stehen, ein wenig mehr Einfühlungsvermögen gegenüber den Akteuren wäre dennoch angebracht. Wenn die deutsche Elf nämlich im Finale nach 120 Minuten durch ein Eckballtor in der letzten Aktion mit 1:0 den vierten Titel gewinnt, wird Per Mertesacker vermutlich heilig gesprochen. Und Jogi und sein Kapitän, und der schon längst überfällige Experten-Titan auch, der vom „unglaublichen Druck“ (Oliver Kahn, bei mehreren Gelegenheiten) auf die Teams weiß.

Das vollständige Interview gibt es übrigens hier.

Von einem, der schon aus Prinzip an den vierten Stern für Deutschland in diesem Jahr glaubt: Marius Mestermann.

 

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